Eines vorweg: Ich bin wieder zurück in Deutschland! Aber bevor ich mich hier von euch verabschiede, möchte ich euch noch von einem weiteren absoluten Highlight der letzten Study Period in Lund (genau genommen waren es – abgesehen von dem topologischen Lowlight – nur Highlights
) berichten, nämlich von der Vorlesung „Randomised Algorithms“ am Department of Computer Science.
Eigentlich hab ich diese Vorlesung zunächst im Wesentlichen deshalb gehört, weil sie derselbe Dozent (Thore) gehalten hat, bei dem ich schon die Combinatorial Optimisation gehört habe, und ich seinen Vorlesungsstil und vor allem sein super-gutes Englisch so toll finde. Nach den ersten, wenigen, zugegeben nicht allzu spannenden Vorlesungen (über ein bisschen Probability – also da gibt’s so ein Omega, aber das kommt nie vor, dann ist da noch ‘ne Funktion und die hat zwei Eigenschaften…), wurde diese Vorlesung dann aber tatsächlich super-interessant.
Abgesehen von recht interessanter Probability Theory (ja, das gibt’s, ich war auch überrascht), die in keiner der beiden Probability Theory-Vorlesungen, die ich gehört habe, vorkam, ging es unter anderem um Dinge wie das Geburstagsparadox (Wie viele Leute braucht man, damit die Wahrscheinlichkeit, dass zwei am selben Tag Geburstag haben, größer ist als 1/2?) und eine Art Verallgemeinerung davon (Wie viele Duplo oder Hanuta muss man während einer Fußball-WM essen, bis man endlich alle Aufkleber gesammelt hat?).
Außerdem hat Thore meist geschafft, auch noch sowas wie einen praktischen Bezug herzustellen – zumindest so praktisch, wie man es von einem theoretischen Informatiker eben erwarten kann. So haben wir zum Beispiel mit Hilfe von Markov-Ketten die Wahrscheinlichkeit dafür bestimmt, dass ein zerstreuter Professor im Regen nass wird, weil sich die drei Regenschirme, die er besitzt, leider alle am falschen Ort befinden. (Wir haben dabei übrigens die realistische(?) Annahme gemacht, dass sich dieser Professor zu jeder Zeit entweder zu Hause oder in der Uni oder – genau einmal pro Tag – auf dem Weg dazwischen befindet.
)
Außerdem erklärt die Theorie über Random Walks, warum man auch nachts betrunken noch von der Kneipe nach Hause findet. („Note that this even works when you’re stone drunk!“)
Der Trick ist übrigens, dass man tatsächlich (Er hat’s bewiesen!) mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich bald zu Hause vorbeikommt, wenn man einfach ziel- und planlos durch die Stadt irrt. Sofern man sich noch erinnert, wie zu Hause aussieht, ist also alles klar! (Es sei denn, man wohnt irgendwo in der Nähe von Malmö und läuft zufällig irgendwann über eine seeehr lange Brücke; dann ist schon eher unwahrscheinlich, dass man noch in derselben Nacht von Kopenhagen wieder zurück finden wird.)
Und um das Ganze noch etwas angewandter zu gestalten, haben wir uns einmal sogar nachmittags zu ein wenig „Applied Probability Theory“ getroffen und ein Poker-Turnier gemacht. Wir waren zu neunt und außer mir hatten alle schon einmal Poker gespielt. Ich hatte zwar zumindest so ein bisschen die Hausaufgaben gemacht und mir am Abend vorher kurz bei Wikipedia die Regeln angeguckt, war aber doch sehr froh, dass sie nochmal erklärt wurden. Aber immerhin hatte ich mir schon einige Vokabeln gemerkt und konnte aushelfen. („How do you call this?“ – „Call?“ – „Oh, yes.“) Am Ende bin ich Zweiter geworden und hab sogar was gewonnen:

Einen wirklichen Wert hat das Ding natürlich nicht, aber ich finde es trotzdem cool!
Ansonsten hat Thore uns in der Vorlesung ein paar Beispiele gezeigt, was man mit randomisierten Algorithmen so alles machen kann und warum die toll sind. („Think of matrices as large as the internet.“)
In Wirklichkeit sind sie zum Beispiel toll, weil eine Fehlerwahrscheinlichkeit von 2^(-50) genauso gut ist wie eine von 0. 2^(-50) ist nämlich kleiner als die Wahrscheinlichkeit, während einer Vorlesung von einem Meteoriten getroffen zu werden. (Das passiert alle paar hundert Jahre, tötet jedesmal ein paar tausend Menschen und ist zum letzten mal vor etwa hundert Jahren in Russland passiert…) Diese Fehlerwahrscheinlichkeit hat also jeder Algorithmus; der Meteorit könnte schließlich den Computer treffen.
Die Beispiele und Erklärungen waren also alle sehr anschaulich und gut, die mathematische Exaktheit kam allerdings mitunter mal wieder etwas zu kurz. („In Wirklichkeit haben wir natürlich keinen Affen, der einen Baum hoch klettert, sondern müssen was ausrechnen.“) Neben seiner Kaffeetasse, die sich noch immer stets in seiner Hand (oder zumindest nicht weit davon entfernt) befindet, ist ein weiteres von Thores Markenzeichen nämlich der „proof by handwaving“.
Und wie war das nochmal mit den Nullstellen von Polynomen? – „There’s a famous theorem. It has a name. It’s called fundamental theorem of something… algebra I think.“
Außerdem ändert er scheinbar täglich seine Meinung darüber, wann lineare Gleichungssysteme lösbar sind. Wer weiß… wenn man dieses Verhalten als Random Walk beschreibt und davon ausgeht, dass seine Phantasie endlich ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann mal bei der Wahrheit ankommt, unter geeigneten Zusatzbedingungen nicht null.
Außer den Vorlesungen und der „Poker Night“ gab es noch eine wöchentliche Übung (Vorrechenübungen – *grrrrr*), ein Hand-In mit einer größeren Programmieraufgabe und einigen anderen Aufgaben, das fast so aufwendig wie ein Mittelseminar war, und natürlich eine Klausur. (Man könnte also sagen, dieser Kurs war recht arbeitsintensiv…
)
Das Besondere an Thores Klausuren ist übrigens, dass er es als „personal fiasko“ auffassen würde, wenn jemand alles lösen würde. Deshalb verhindert er dies schon durch die bloße Menge an Aufgaben.
Hier in Lund werden meist viele Klausuren gleichzeitig in einem riesigen Klausurraum geschrieben – und die Tussis mit den meterlangen Absätzen sitzen grundsätzlich am weitesten von den Toiletten entfernt und trampeln etwa einmal pro Stunde quer durch den Raum. Meiner Ansicht nach sollte man diese schrecklichen Schuhe zu Klausuren verbieten; aber hier in Lund war man ja mitunter nicht einmal in der Lage, zu verhindern, dass fast während der gesamten Klausur im Raum nebenan mit Bohrmaschinen und anderen staubsaugerähnlich klingenden Geräten ein schrecklicher Lärm verursacht wurde (und das war samstags morgens um 8!!!). Bei dieser, meiner letzten, Klausur habe ich es aber endlich geschafft, Ohrenstöpsel mitzunehmen. Das hatte den Vorteil, dass ich mich endlich einmal während einer Klausur konzentrieren konnte
, und den Nachteil, dass Thore, als er uns auf einen Fehler in der Aufgabenstellung hingewiesen hat, für mich nur wirkte wie in einem Stummfilm
.
Nach etwa zwei Stunden beginnt der Klausurraum meistens sich mehr und mehr zu leeren. Nach etwa vier Stunden ist er dann fast völlig leer und in der letzten halben Stunde bleiben nur noch sehr wenige Leute im ganzen Raum verstreut übrig – und mittendrin die komplette Reihe derer, die Thores Klausur schreiben
.
Mittlerweile – nur etwa zwei Wochen nachdem ich mein Transcript aus Lund geschickt bekommen habe – hat er es auch tatsächlich geschafft, sie zu korrigieren.
Wer bestanden hat und wer nicht, hat er übrigens sehr geschickt verschlüsselt im Internet veröffentlicht. Zum Beispiel haben die Leute, die durchgefallen sind, entweder an einem ungeraden Datum im Dezember Geburtstag oder sind 1982 geboren. (Ich habe also bestanden – und das sogar mit Väl Godkänd, wie ich weiteren Verschlüsselungen entnehmen konnte.
)